Was lange wie eine technische Entscheidung wirkte, rutscht zunehmend in die strategische Ebene. Denn Abhängigkeit ist kein IT-Thema mehr, sondern kann zum Geschäftsrisiko werden. So gewinnt Ihr Unternehmen wieder mehr Kontrolle über die IT.

Diese Frage stellen sich gerade IT-Abteilungen und Geschäftsführungen: Wie abhängig wollen wir von einzelnen Tech-Anbietern eigentlich sein? Schließlich ändern sich Rahmenbedingungen schneller als früher und politische Entwicklungen wirken sich plötzlich direkt auf IT-Strukturen aus:
- Geopolitik ist keine Konzern-Frage: US Cloud Act, Trump-Administration, Handelskonflikte und Co. betreffen jedes Unternehmen mit US-Software.
- Zwangs-Upgrades zeigen ihre Macht: Windows 11 (oder ein Wechsel auf andere Betriebssysteme) ist ein Muss, ob man will oder nicht (inklusive allen damit verbundenen Kosten). Auch wer nicht wechseln will, hat keine Wahl. Das wird auch zukünftig so bleiben. Daher ist es wichtig, die eigene Strategie zu hinterfragen.
- Keine Handhabe bei Änderungen der Nutzungsbedingungen, Zugriff durch US-Behörden (Cloud-Act), wenn die Daten auf US-Servern liegen (auch bei „EU-Clouds“), willkürlichen Preiserhöhungen, Einstellungen von Features (z.B. Skype).
- KMUs haben weniger Puffer: Großkonzerne können den Preisanstieg durch KI bei Hardware leichter schlucken. Doch für die Kleinen kann das existenziell werden: Wie viel Geld können und wollen sie für noch mehr Abhängigkeit bezahlen?
Das Problem dabei ist: Viele Unternehmen haben ihre IT in puncto Cloud und Plattformen in den letzten Jahren konsequent so aufgebaut, dass sie auf genau auf diese Anbieter angewiesen sind.
Wo kann man sich aus Abhängigkeiten lösen?
Die Abhängigkeiten von den Big Playern waren bequem, effizient und – rein wirtschaftlich betrachtet – oft auch naheliegend. Gleichzeitig hat sich damit ein Zustand etabliert, der jetzt zurecht kritisch hinterfragt wird. „Wir beobachten aktuell ein starkes Umdenken“, sagt Ansgar Licher, Geschäftsführer von LWsystems. „Nicht nur große Konzerne, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen prüfen, wo sie sich aus bestimmten Ökosystemen lösen können und wie sie Handlungsspielraum zurückgewinnen.“
Viele denken bei diesem Thema zuerst an Software, doch mindestens genauso relevant ist die Frage, wo die Daten liegen: Häufig existieren nur noch wenige eigene relevante Systeme vor Ort. Die Daten lagern verteilt in verschiedenen Cloud-Diensten, ohne dass jemand einen vollständigen Überblick hat. Das funktioniert im Alltag gut, bis man merkt, dass man nur begrenzt Einfluss auf Zugriff, Struktur oder Weiterverarbeitung hat. Damit entsteht eine doppelte Bindung: an den Anbieter und an dessen Infrastruktur.
Warum sind digitale Identitäten so wichtig?
Ein weiterer wichtiger Hebel sind die Identitäten. In vielen Setups laufen die Zugänge heute über große Plattformen. Ein Login via Microsoft- oder Google-Konto beispielweise öffnet dann die Tür zu mehreren Cloud-Diensten und Anwendungen gleichzeitig. Das ist bequem, hat aber eine Kehrseite: Fällt dieser Zugang aus oder wird gesperrt, ist der Zugriff auf viele Systeme plötzlich blockiert . Gleichzeitig erfährt der Identitäts-Provider – also Microsoft oder Google – bei jeder Anmeldung, welcher Nutzer wann auf welchen Dienst zugreift: ein lückenloses Protokoll der Arbeitsabläufe und Nutzungsgewohnheiten des gesamten Unternehmens. Eine Lösung ist, Identitäten selbst zu verwalten – und damit die Kontrolle zurückzuholen:
- ein eigenes Nutzerverwaltungssystem zu betreiben, das bestehende Windows-Umgebungen wie Active Directory ergänzt oder vollständig ablöst.
- alle Zugänge zentral im eigenen Unternehmen zu steuern – in der eigenen Infrastruktur, nach eigenen Regeln.
- dieselben Identitäten auch für Web-Dienste und externe Anwendungen zu nutzen – ohne den Umweg über fremde Plattformen.
Das Ergebnis: weniger Abhängigkeit, mehr Kontrolle. Wer seine Identitäten selbst verwaltet, behält das Steuer in der Hand.
Bewusst entscheiden, anstatt radikal ersetzen
Wichtig ist dabei ein realistischer Blick. Nicht alles lässt sich einfach austauschen, es ist auch nicht das Ziel. Manche Systeme sind tief in Prozesse eingebettet wie spezialisierte Branchensoftware, Warenwirtschaft oder ERP-Systeme. Hier ist eine Abhängigkeit oft bewusst akzeptiert und vertretbar. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „Wie werde ich alles los?“, sondern: „Wo bin ich bereit, Abhängigkeiten zu akzeptieren und wo kann ich gezielt Alternativen aufbauen oder zumindest vorbereiten?“
Mögliche Schritte können dann sein:
- Kommunikation (Mail, Chat, Video) schrittweise zu diversifizieren
- Office-Tools zu ergänzen oder teilweise zu ersetzen
- Identitäten und Zugänge selbst zu verwalten, anstatt auszulagern
- hybride Strukturen aufzubauen, die die Flexibilität für die Zukunft erhalten.
Dadurch gewinnen Unternehmen wieder mehr Handlungsspielraum – und genau darum geht es bei technologischer Souveränität.

