Open Source ist in Deutschland politisch angekommen, doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt noch ein weiter Weg. Miriam Seyffarth, Leiterin politische Kommunikation der Open Source Business Alliance, erklärt, was die Politik konkret tut und welcher Hebel noch umgelegt werden muss. Ansgar Licher, Geschäftsführer LWsystems, übersetzt das in die unternehmerische Realität: Was bedeutet der Wandel für Unternehmen, die nicht auf politische Vorgaben warten wollen und wo liegen die echten Hürden?


Miriam Seyffarth ist Leiterin politische Kommunikation der Open Source Business Alliance. Sie weiß, an welchen Stellen Deutschland besonders abhängig von proprietären Software-Anbietern ist und wo es aufgrund von politischen Entscheidungen in puncto digitale Souveränität noch hakt.
Frau Seyffarth, Deutschland gilt als Innovationsstandort, liegt aber im Digital Ranking der EU seit Jahren im Mittelfeld. Ist Open Source Teil des Problems oder der Lösung?
Open Source ist definitiv Teil der Lösung, und ich würde sogar sagen: ein entscheidender. Denn Deutschlands Innovationskraft erodiert aktuell aufgrund der strukturellen Abhängigkeiten von proprietärer US-amerikanischer Software. Diese Software durchzieht nicht nur die öffentliche Verwaltung, sondern im Grunde alle Branchen. Wenn wir diese Abhängigkeiten abbauen und stärker auf Open Source setzen würden – in Kooperation mit internationalen Partnern und mit gezieltem Kompetenzaufbau in Deutschland und Europa –, dann könnten wir Innovationszyklen verkürzen, Markteintrittsbarrieren für Startups senken und Wertschöpfung zurückgewinnen. Open Source ist nicht der alleinige Schlüssel, aber eine tragende Säule für digitale Souveränität.
Wenn wir diese Abhängigkeiten abbauen,
(…) könnten wir Innovationszyklen verkürzen.
Was müsste die Politik konkret dafür tun und was tut sie gerade tatsächlich?
Es gibt Bewegung: Die digitale Souveränität hat in den aktuellen politischen Debatten deutlich an Gewicht gewonnen. Aber es gibt auch eine große Lücke. Der aktuelle „Open Source First“-Ansatz der Bundesregierung gilt nur für Software, die komplett neu entwickelt wird. Wer bestehende Software einkauft, ist davon ausgenommen und das ist zu kurz gedacht. Die öffentliche Hand ist der größte Einkäufer am Markt. Doch das meiste von diesem öffentlichen Geld, von unseren Steuergeldern, fließt immer noch in proprietäre US-amerikanische Software. Dieser Geldstrom sollte umgelenkt werden in die lokale, europäische Open Source-Industrie. Da muss die Politik noch konsequenter werden.
openDesk gilt als Pilotprojekt für digitale Souveränität in Behörden. Sehen Sie darin einen echten Fortschritt oder ist es nur politisches Window Dressing?
openDesk zeigt vor allem Behörden, dass es überhaupt eine Alternative zu Microsoft Office 365 gibt. Das wissen viele Menschen in der Verwaltung noch nicht oder können es sich nicht vorstellen. Deswegen ist der erste Schritt gemacht. Trotzdem ist eine mittlere zweistellige Anzahl von Pilotarbeitsplätzen in einem Ministerium noch kein großer Wurf. Schleswig-Holstein geht zwar am konsequentesten voran, doch andere Länder sind noch mit angezogener Handbremse unterwegs. Was es braucht, ist mehr Schwung, mehr Mut und mehr politischer Wille, das wirklich in der Breite umzusetzen.
Was Behörden oft fehlt, ist die Bereitschaft,
erst zu investieren, um dann den Nutzen zu ernten.
Innovationsgeschichte wurde allerdings selten in Behörden geschrieben und Open Source wird in Unternehmen häufig nur als Kostenhebel verstanden, nicht als Innovationsquelle. Ist das ein Kommunikationsproblem der Community oder ein Denkproblem der Entscheider?
Was Behörden oft fehlt, ist die Bereitschaft, erst zu investieren, um dann den Nutzen zu ernten. Unternehmen kennen dieses Modell: Man teilt Entwicklungskosten für gemeinsame Basisinfrastruktur, die dann allen gehört und auf der jeder sein differenzierendes Geschäftsmodell aufbaut. Behörden denken seltener in solchen mittelfristigen Horizonten, weil dieser Innovations- und Cost Sharing-Gedanke einfach nicht ihr primärer Antrieb ist. Und in der Politik wiederum wird meist nur bis zur nächsten Wahl gedacht, da fehlt dieser etwas längere Planungshorizont ebenfalls.
Wie lautet Ihre Einschätzung: Wo steht Deutschland in puncto Open Source in fünf Jahren?
Ich bin vorsichtig optimistisch. Aktuell begegnen viele Beamtinnen und Beamte in der öffentlichen Verwaltung Open Source zum ersten Mal. In fünf Jahren wird Open Source in den Behörden schon deutlich normaler und verbreiteter sein. Dazu kommt das openCode-Repository, die Plattform, auf der Behörden selbst entwickelte Open Source-Projekte einstellen und gemeinsam weiterentwickeln. Die Zahl der dort gehosteten Projekte ist in den letzten Jahren nahezu exponentiell gewachsen.
Auch auf der Angebotsseite tut sich etwas: Unternehmen, die historisch nur proprietäre Software hergestellt haben, nehmen Open Source-Angebote ins Portfolio, weil Ausschreibungen danach fragen. Das ist ein Marktmechanismus, der wirkt und sich selbst verstärkt. Trotzdem bleibt es insgesamt noch ein langer Weg.

Politisch ist die Richtung eingeschlagen, der Weg aber noch weit. Was das für Unternehmen bedeutet, erklärt Ansgar Licher, Geschäftsführer LWsystems, im Interview – mit Blick auf die Praxis.
Deutschland muss weg von proprietären US-Anbietern, hin zu lokalen Open Source-Lösungen kommen. Wie erleben Sie das bei Ihren Kunden: Ist der Wille da oder überwiegt noch die Trägheit?
Beides, aber die Mischung verschiebt sich gerade spürbar. Vor zwei Jahren haben wir in Erstgesprächen noch grundsätzliche Überzeugungsarbeit geleistet. Heute kommen Kunden mit einem konkreten Anlass.
Was viele wirklich aufgeweckt hat, war das geopolitische Signal, als Microsoft dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag kurzerhand die Zugänge gesperrt hat. In diesem Moment wurde die abstrakte Abhängigkeit plötzlich sehr konkret.
Dazu kommen die rechtlichen Dimensionen: US Cloud Act, Datenzugriff durch US-Behörden unabhängig vom Serverstandort. Sie beschäftigen Geschäftsführer und IT-Leiter heute auf eine Art, die vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Der Wille zum Wandel ist also durchaus da.
Die Innovation lag nicht in der Technik,
sondern in der neuen Handlungsfähigkeit.
Nennen Sie ein Beispiel aus der Praxis: Wo hat ein Unternehmen durch Open Source nicht nur Kosten gespart, sondern echten Innovationsvorsprung gewonnen?
Ein eindrückliches Beispiel ist der Deutsche BundeswehrVerband (DBwV). Dort haben wir für rund 5.000 Anwender eine vollständige digitale Kollaborationsplattform auf Open Source-Basis aufgebaut, inklusive E-Mail, Groupware, Online Office, Videokonferenz, Dateiverwaltung, revisionssichere Mailarchivierung, zentrales Identity Management mit Zwei-Faktor-Authentifizierung. Was mich dabei fasziniert hat: Die eigentliche Innovation lag nicht in der Technik, sondern in der neuen Handlungsfähigkeit. Der Verband kann heute seine Plattform anpassen, erweitern und kontrollieren, ohne auf Produktentscheidungen eines US-Konzerns zu warten.
Wenn Unternehmen zögern, ob sie den Schritt wagen sollen: Was glauben Geschäftsführer oft über Open Source und was stimmt davon nicht?
Das hartnäckigste Missverständnis ist: „Open Source ist gratis.“ Das stimmt nicht. Was Open Source bietet, sind planbare Kosten, ohne Lizenz-Überraschungen oder Upgrade-Zwang. Das zweite Vorurteil lautet: „Unsere Mitarbeiter kennen nur Microsoft.“ Das stimmt zwar meistens, aber es ist lösbar. Moderne Open Source-Werkzeuge sind intuitiv, zudem sind Change Management und Schulung Teil des Projekts. Und das dritte Vorurteil, das ich immer wieder höre: „Das ist etwas für Technik-Enthusiasten, nicht für ein ernsthaftes Unternehmen.“ Schauen Sie sich die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen an: über 15 Jahre enge Partnerschaft mit uns, 8.000 Anwender und eine Infrastruktur, die technologische Weiterentwicklung ermöglicht – von einer Groupware-Generation zur nächsten, ohne je in eine neue Abhängigkeit zu geraten. Die Infrastruktur wächst mit dem Unternehmen.
Mit welchen Hürden haben insbesondere Institutionen bei einem Wechsel zu kämpfen?
Die größte Hürde ist in der Regel eine menschliche: Sie müssen Ehrenamtliche und Mitarbeiter abholen, die jahrzehntelang mit einem bestimmten Werkzeug gearbeitet haben. Beim DBwV hat das neun Monate gedauert, weil intern sehr viel Kommunikationsarbeit nötig war: Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Geduld, Feedback aufnehmen und einarbeiten. Das hat der Verband selbst geleistet und zwar sehr konsequent. Unsere Aufgabe war die technische Umsetzung. Dazu kommt in Institutionen häufig ein strukturelles Problem: Entscheidungen über IT werden oft nicht dort getroffen, wo die IT-Kompetenz sitzt. Die Erwartungen der verschiedenen Stakeholder zu synchronisieren, ist deshalb oft die eigentliche Projektmanagement-Aufgabe.
Das Problem: Entscheidungen über IT werden oft nicht dort getroffen,
wo die IT-Kompetenz sitzt.
Was raten Sie Institutionen und mittelständischen Unternehmen, die ernsthaft über einen Wechsel zu Open Source nachdenken? Wo fängt man an und was sind die häufigsten Fehler?
Fangen Sie beim Identity Management an, also bei der Frage, wer in Ihrem Unternehmen auf was Zugriff hat. Genau das ist die Stelle, an der Abhängigkeiten am tiefsten verankert sind – und am unsichtbarsten. Was beim IStGH in Den Haag passiert ist, droht im Kleinen jedem Unternehmen, das seine zentralen Identitäten in fremden Händen lässt. Wer dort aber Unabhängigkeit gewinnt, schafft die Grundlage für jeden weiteren Schritt: E-Mail, Groupware, Videokonferenz, Office.
Und was noch?
Der häufigste Fehler ist der Big Bang-Ansatz: alles auf einmal, mit zu wenig Zeit, zu wenig Schulung, zu viel Druck. Das scheitert dann an der Organisation. Wir empfehlen stattdessen eine schrittweise Migration. Ein gutes Beispiel ist Stellfeld & Ernst: Sie haben mit Zimbra angefangen, dann Nextcloud dazu genommen, anschließend ONLYOFFICE integriert. Heute besitzen sie durch konsequente, planvolle Weiterentwicklung eine vollständig integrierte, browserbasierte Arbeitsumgebung. Wer das Thema strukturiert angehen möchte: Im Herbst veranstalten wir gemeinsam mit Partnern das Event „Plan B für den Mittelstand“ – genau dafür ist es gemacht.
