Wie aus einer Vision ein erfolgreiches Unternehmen wurde
Zwei Menschen, eine Idee, keine Ahnung voneinander, bis ein Vortrag der Linux User Group Osnabrück beide zusammenführte. Wie aus einer gemeinsamen Vision ein Unternehmen wurde, das heute Kunden mit bis zu 8.000 Anwendern betreut.

Manche Geschichten beginnen mit einem Businessplan. Unsere beginnt mit einem Satz nach einem Vortrag. Es war Sommer 2004. Wir – Martin Werthmöller und ich, Ansgar Licher, – hatten uns nie getroffen, nur voneinander auf der Mailingliste der Linux User Group Osnabrück (LUGO) gelesen. Bis zu einer LUGO-Veranstaltung im Sommer 2004, auf der ich einen Vortrag hielt. In der anschließenden Fragerunde stellte jemand Fragen von einer Tiefe und Qualität, die ich sofort wiedererkannte. Am Ende sagte ich zu ihm: „Du musst Martin sein!“
Uns war schnell klar, wir teilen dieselbe Überzeugung, dass Linux und Open Source-Lösungen „das Ding“ waren. Und uns verband dieselbe Vision: ein Unternehmen in diese Richtung zu gründen. Diesen Schritt wollten wir zusammen machen.
Von einer Messe zum Partner Open-Xchange
Im Oktober 2004 war es dann so weit. Wir waren Existenzgründer und entschieden uns als Aussteller und Dienstleister auf der „Business Online“ zu präsentieren, einer kleinen regionalen IT-Fachmesse in der Halle Münsterland in Münster. Vor Ort erlebten wir, was zu dieser Zeit üblich war: von etablierten IT-Unternehmen belächelt zu werden. „Linux? Ha ha ha.“ Aber es gab auch das Gegenteil: Menschen, die positiv überrascht waren. So entstanden erste Kontakte, und erste Projekte. Bei einem Kunden haben wir Open-Xchange eingeführt, ein Produkt, mit dem Martin bereits sehr gut vertraut war.
Aus „interessantes Produkt, lass uns das anbieten“ wurde rasch die Idee, offiziell Partner von Open-Xchange zu werden – als Noname-Existenzgründer mit Expertise, Willen und viel Idealismus, aber mit wenigen Kunden. Wir wurden trotzdem einer der ersten Open-Xchange-Partner in Deutschland.
Wie sich das LWsystems-Portfolio entwickelt hat
Linux war der Anlasser, Open Xchange der Motor unserer ersten Jahre. Bald kam Univention Corporate Server (UCS) dazu. Im März 2007 standen wir bereits als Open Xchange-Partner gemeinsam mit dem Hersteller auf der CeBIT. Groupware war von Beginn an einer unser Erfolgsfaktoren und blieb es, auch als sich die technischen Anforderungen änderten: Die wachsende Nachfrage nach Outlook-Unterstützung machte Open Xchange nach einigen Jahren zur suboptimalen Lösung. Wir stiegen mit Zarafa ein, aus dem später Kopano wurde. Als auch dort die Outlook-Unterstützung zum Problem wurde, kam Ende der 2010er-Jahre Zimbra dazu. Bis heute ist die Groupware-Lösung ein zentraler Baustein unseres Portfolios.
Wie aus einer Lücke Benno MailArchiv entstand
Kaum hatten wir eine erste Reihe Open Xchange-Kunden, kamen Fragen nach E-Mail-Archivierung auf. Wir hatten dafür nichts im Portfolio und das Angebot an Lösungen war dünn, doch es gab die Nachfrage und unser Potenzial. Also entschieden wir, es selber zu machen. Im Oktober 2008 präsentierten wir der Öffentlichkeit erstmals Benno MailArchiv unter diesem Namen. Später kamen weitere Lösungen dazu und der Weg ging in Richtung Cloud.
Was sich in 20 Jahren Open Source
verändert hat
Mit den Jahren hat sich nicht nur unser Portfolio erweitert, auch die Fragen unserer Kunden sind andere geworden. Früher lautete die zentrale Frage: „Ist Open Source sicher und stabil genug?“ Heute ist sie eher: „Wie werden wir als Unternehmen unabhängig?“ Die Skepsis gegenüber Open Source existiert in Einzelfällen zwar immer noch, sie ist aber die Ausnahme geworden. Wo man uns früher ansah wie ein Alien, begegnen wir dem IT-Mainstream heute auf Augenhöhe.
Zwei Prophezeiungen haben uns allerdings über viele Jahre begleitet: „Nächstes Jahr ist das Jahr des Linux-Desktops.“ Ich gebe zu, dass wir auch eine Phase hatten, in der wir fest daran geglaubt haben. Gekommen ist dieses Jahr nie. Eingetreten ist etwas anderes und beschreiben lässt es sich mit einem Satz, den ich mir vor langer Zeit bereits zu eigen gemacht habe, angelehnt an das alte Motto von Sun Microsystems: The net is the system. Welches Betriebssystem auf dem Schreibtisch läuft, ist heute weit weniger entscheidend als die Frage, wem die Dienste gehören, mit denen dort gearbeitet wird und wer die Identitäten der User verwaltet.
Die andere Prophezeiung lautete: „In fünf Jahren schreibt niemand mehr E-Mails.“ Wir haben sie regelmäßig gehört, sind und waren aber im Kern vom Gegenteil überzeugt. Heute sagt sie kaum noch jemand. Der Grund dafür: Messenger sollten E-Mails ablösen. Doch dafür müssten sich jedoch alle Beteiligten auf denselben Anbieter einigen. Die E-Mail dagegen funktioniert seit Jahrzehnten über alle Anbieter, Länder und Plattformen hinweg, da sie ein offener Standard ist und keinem Unternehmen gehört. Totgesagt wurde also ausgerechnet die Technologie, die als einzige wirklich souverän funktioniert.
Was wir (auch lustiges) in 22 Jahren LWsystem gelernt haben
Manche Dinge ändern sich dagegen nicht. Es gibt in erstaunlich vielen Unternehmen dieses eine Postfach. Es ist über zwanzig Jahre gewachsen, wurde nie aufgeräumt und ist gleichzeitig Dateiablage, Vertragsordner und Gedächtnis der Geschäftsführung. Und die Antwort auf die vorsichtige Frage, ob man dort nicht etwas aussortieren könne, ist seit unserem ersten Projekt unverändert dieselbe: „Auf keinen Fall, die brauche ich alle noch.“ Man kann darüber schmunzeln und man kann daraus auch lernen, warum ein sauberes Archiv ein organisatorisches Thema ist.
Ähnlich sieht es bei Access-Datenbanken aus, die bei Migrationen immer mal wieder auftauchen oder die über Jahre gewachsene Excel-„Anwendung“, an der plötzlich ein erstaunlich großer Teil der Auftragsabwicklung hängt. Gebaut hat sie irgendwann irgendwer, nur weiß niemand mehr, wer das war oder derjenige ist längst nicht mehr im Haus. Eng verwandt damit ist das Office-Update, das „absolut zwingend notwendig“ ist. Der Grund dafür ist meist eine bestimmte Funktion, die genau eine Person im Unternehmen vorgibt zu benötigen. Während ringsherum die Mehrheit der Anwender den größten Teil der Programmfunktionen nie genutzt hat. Solche Abhängigkeiten sind der eigentliche Grund, warum Unabhängigkeit selten an der Technik scheitert.


Was LWsystem bis heute definiert
Geblieben ist vor allem aber das, was uns eigentlich ausmacht. Wir haben uns bereits vor einiger Zeit – gemeinsam mit dem gesamten Team – bewusst Zeit genommen, unsere Werte zu erarbeiten. Das Ergebnis lässt sich auf unserer „Über uns“-Seite nachlesen, aber vor allem leben wir es: Klartext statt Marketingsprache, Transparenz und Klarheit, technisch wie in der Kundenbeziehung.
Wir sind bis heute ein überschaubares, gut funktionierendes Team. Die meisten Kolleginnen und Kollegen sind seit deutlich mehr als zehn, teilweise seit über fünfzehn Jahren an Bord. Für unsere Größe drehen wir durchaus große Räder: LWsystems betreut Kunden von wenigen bis hin zu mehreren tausend Nutzern. Aus zwei Menschen, die nach einem Vortrag eine gemeinsame Vision hatten, ist ein Unternehmen gewachsen, das seine Überzeugung von damals bis heute nicht verloren hat. Auch wenn sich Vieles um uns herum verändert hat.
22 Jahre LWsystems:
Erkenntnisse zum Schmunzeln
- „Läuft bei mir“ ist keine Fehleranalyse.
- „Temporäre Lösung“ ist das Synonym für „läuft jetzt seit sieben Jahren in Produktion“.
- Eine beeindruckende Uptime ist selten ein Qualitätsmerkmal – meistens nur ein aufgeschobenes Update.
- Backups hat man erst dann, wenn man sie erfolgreich zurückgespielt hat.
- Container lösen nicht alle Probleme. Sie verstecken sie nur besser.
- Monitoring-Alarme, die niemand liest, sind digitale Deko.
- Der Aufwand einer Migration steckt selten in der Technik – fast immer in den Gewohnheiten.
- Nicht der Einstieg in ein System entscheidet über Abhängigkeit, sondern der Ausstieg.
- Ein offener Standard ist die einzige Exit-Strategie, die auch dann noch funktioniert, wenn der Anbieter nicht mitspielt.
- Wer nicht weiß, wo seine Daten liegen, hat die Frage nach der Souveränität schon beantwortet.
- Das machen wir schnell inhouse“ war selten schnell.
- Bei KI stellt sich dieselbe Frage wie vor 20 Jahren bei der Cloud: Wem gehören am Ende die Daten?
- Die beste Beratung ist manchmal die, die von einem Projekt abrät.
- Der gefürchtetste Satz im Support: „Es hat doch gestern noch funktioniert.“
- Ein gut geschriebenes Angebot verhindert mehr Missverständnisse als jedes Kickoff-Meeting.
- Der Kunde, der alles „ganz genauso wie vorher“ wollte, wollte am Ende doch alles anders.
- Die Frage, welcher Editor der richtige ist, überlebt zuverlässig jede Technologie, um die dabei gestritten wurde.
- Die wertvollste Ressource in jedem IT-Projekt ist jemand, der sich noch erinnert, warum es damals so gebaut wurde.
- Erfahrung ist die Summe der Systeme, die man abgeschaltet hat.
- Wer lange genug dabei ist, erlebt jede Idee ein zweites Mal – meist unter einem neueren Namen.
- Verfügbarkeit misst man in Prozent. Verlässlichkeit daran, wer abends ans Telefon geht.
- Nach 22 Jahren steht fest: Die einzige Konstante in der IT ist, dass nichts konstant bleibt – außer vielleicht der Kaffeeverbrauch.

